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Weniger wäre mehr

Seine Lösung ist die Beschränkung des Weltwirtschaftswachstums und die Selbstbeschränkung des Einzelnen. Er hat kein Smartphone, keinen Fernseher und kein Auto, denn er lebe, was er lehre. So stellte Ralf Engel, Studiendirektor und Lehrer für Politik und Wirtschaft am Mörike-Gymnasium, den Referenten zum Thema: „Hat das Wirtschaftswachstum ausgedient?“ vor: Niko Paech. Der Siegener Universitätsprofessor werde von manchen Leuten wegen seiner Wachstumskritik als Party-Killer und Miesepeter angesehen, der nur Vorschriften machen wolle.

Paechs Antwort auf den bedrohlichen Klimawandel mutete so radikal wie einfach an: Durch Wachstum werde die Umweltzerstörung vorangetrieben. „Grünes“ Wachstum und nachhaltiger Konsum seien Augenwischerei, so Paech. Die Politik verändere im Grundsatz nichts, weil Selbstbeschränkung und Verzicht, ohne die es nicht gehe, nicht attraktiv seien. Er setze auf die Schritte der einzelnen Menschen, die direkt und im Kleinen damit anfangen könnten, ihren Lebensstil zu ändern. „Wir müssen trennen zwischen basalen Grundbedürfnissen und überbordendem Luxus“, so sein Gegenentwurf, der eine Einschränkung der industriellen Wertschöpfungsprozesse fordert sowie eine Stärkung der lokalen Selbstversorgung.

Paech gliederte sein knapp einstündiges Referat, zu dem zahlreiche Zuhörer gekommen waren, die bei der anschließenden Diskussion viele Fragen und Kommentare beisteuerten, in vier Unterthemen: Er beleuchtete Klimaschutz und Aspekte des Wachstums, stellte die Frage: Helfen nachhaltige Entwicklungen weiter? Er stellte die Postwachstumsökonomie als Ausstieg aus der Problematik vor und fragte schließlich: Wie geht der Wandel zur Postwachstumsökonomie? Paech sagte, die Bundesregierung habe zum Klimaschutz „ein Paketle“ vorgelegt und die Energiewende folge der Logik des grünen Wachstums nach dem Motto: „Wasch mir den Pelz und mach mich nicht nass“. Über den technischen Fortschritt sei sie nicht zu machen, weil dafür viel Energie nötig sei. Um nur auf einen durchschnittlichen Zuwachs der Erdtemperatur von 1,5 Grad zu kommen, was ein Überlebensprogramm der Menschheit sei, könne man nur noch eine begrenzte Menge von CO2 absetzen. Der Verbrauch müsse von momentan zwölf Tonnen pro Person in Deutschland runter auf eine Tonne. Indien liege bei fünf und Malawi bei einer halben Tonne. An den Zahlen sehe man, dass die Energiewende krachend gescheitert sei. Reich sein und trotzdem Klimaschutz betreiben, sei unmöglich. Klimaschutz gehe nur mit Wohlstandsverzicht. Paech erklärte die verschiedenen Energieformen und erteilte der Technik als Träger der Energiewende eine Absage. Er bezweifelte, dass es einen Wohnraummangel gebe und nannte Flugreisen und Kreuzfahrten „das Schändlichste“, weil eine Flugreise etwa nach Australien bereits elf Tonnen CO2 bedeute. Von den Parteien hätten zwar die Grünen das ausgeprägteste Umweltbewusstsein, sie würden jedoch am meisten fliegen, meinte Paech.

Ökologische Produkte beruhigten das schlechte Gewissen, während nur die Summe der Aktivitäten eines Menschen für die Bilanz zähle. Paech empfahl eine stabile, aber nicht mehr auf Wachstum setzenden Ökonomie. Daraus folge eine Beschränkung der Arbeitszeit auf 20 Stunden und eine Verteilung der Arbeitszeit. Die Konsummenge müsse auf ein bestimmtes Maß beschränkt werden. Anhand verschiedener Konzepte versuchte Paech zu zeigen, dass es möglich sei, „trotz Einschränkung ein gutes, bekömmliches Leben zu führen“.

Text: Annerose Fischer-Bucher (NWZ)
Bilder: Rolf Bayha (NWZ)
Veröffentlicht: 17.10.2019 

Erschienen in der Print-Ausgabe der NWZ am 11.10.2019. Wir bedanken uns recht herzlich bei der NWZ für das Bereitstellen des Artikels für unsere Webseite:

https://ezeitung.swp.de/suedwestpresse/goeppingen/2019-10-11/19/weniger-waere-mehr-38970291.html

Volles Haus in der Mensa des Mörike-Gymnasiums.
Professor Paech erläutert seine These, dass die Energiewende eine "Augenwischerei" sei.
Hier verweist der Ökonom auf die häufig übersehenen negativen Auswirkungen von Windkraftanlagen.